Offensive Thinking

Brain tumors suck. Hi, I'm Patrick btw. This is my cancer blog. My "normal" stuff is over here.

Book Review: Arbeit und Struktur


Heute mal wieder ein Eintrag auf Deutsch, da das Buch (meines Wissens nach) nur auf Deutsch erhältlich ist.

Wolfgang Herrndorf war deutscher Schriftsteller, Maler und Illustrator und erhielt Februar 2010 die Diagnose Glioblastom. Seinen Weg hat er in einem zunächst privaten, später öffentlich gemachten Blog beschrieben. Aus diesem Blog wurde später das Buch erstellt, welches ich gelesen habe und welches auf seinem Wunsch postmortem aus dem Blog entstanden ist. Auf das Buch wurde ich durch einen anderen Hirntumorpatienten aufmerksam gemacht.

Mein Fazit: Bisher das beste Buch (oder Blog? Ab jetzt werde ich es als Buch bezeichnen) autobiographischer Art, was ich zum Thema Hirntumor gelesen habe. Herrndorf schafft es, einen sehr nahe an der Gedankenwelt eines Menschen mit quasi aussichtsloser Diagnose teilhaben zu lassen. Das Außergewöhnliche an seinem Buch ist meiner Meinung nach vor allem, dass er als Schriftsteller über die Fähigkeit verfügt, die teils sehr komplexen Gefühle und Gedanken die eine solche Diagnose mit sich bringen in Worte zu fassen. Dabei dreht sich Herrndorfs Buch keineswegs nur um seine Krankheit, sondern enthält auch viele “banale” Details seines Lebens während der Krankheit. Aber gerade das macht es so authentisch.

Interessanterweise unterscheidet sich Herrndorfs Leben an vielen Stellen so sehr von meinem, dass der Prozess des Hineinversetzen / der Empathieempfindung sehr unterschiedlich stark war. Herrndorfs (44 Jahre alt bei Diagnose, kinderlos, Schriftsteller) Leben in Berlin ist an vielen Stellen signifikant anders als mein eigenes (30 bei Diagnose, zwei Kinder (ok, fairerweise kinderlos bei Diagnose), Informatiker mit geregelten Arbeitszeiten ;)). Plus der unwesentliche Unterschied, dass Herrndorf ein Glioblastom diagnostiziert bekommen hat und seine Überlebenschancen damit ungleich geringer waren als bei meiner Prognose…

Trotzdem habe ich seit längerem mal wieder Sätze und ganze Einträge in einem Buch unterstrichen, weil sie mir so sehr aus der Seele gesprochen haben. Unter anderem:

11.1.2011, 12:58

Eine ganz andere Frage, die sich Krebskranke angeblich häufiger stellen, die Frage “Warum ich?”, ist mir dagegen noch nicht gekommen. Ohne gehässig sein zu wollen, vermute ich, daß diese Frage sich hauptsächlich Leuten aufdrängt, die, wenn sie Langzeitüberlebende werden, Yoga, grünen Tee, Gott und ihr Reiki dafür verantwortlich machen. Warum ich? Warum denn nicht ich? Willkommen in der biochemischen Lotterie.

15.2.2011, 11:37

Aber wenn mich irgendetwas im Leben wirklich aufgebracht hat, dann das gegen jedes Denken, jeden Gedanken, und jede Aufklärung immune Gefasel von Sternzeichen, Rudolf Steiner und extravaganten Ahnungen fremder, unbegreiflich tröstlicher Welten. Freundschaften sind mir deswegen zerbrochen.

4.4.2011, 23:40

Auf 3sat eine Serie zu den letzten Dingen, Nahtod-Erfahrungen, Kübler-Ross usw. Ganz interessant, betrifft mich aber nicht. Gerade diesen Nahtod-Erfahrungen haftet etwas Ekliges an. Ich weiß selbst, daß ich mich mit positivem Denken, mit Sport und Lächeln und Arbeiten über etwas Bodenloses hinwegtäusche, aber wenn ich auf den letzten Metern noch derart infantil werden sollte zu vergessen, daß es sich um Selbsttäuschung handelt, erschieße man mich bitte.

21.4.2013, 13:15

Von einer Freundin gehört, daß ihr in der Ausbildung im Hospiz beigebracht wurde, das Fenster im Zimmer der Gestorbenen zu öffnen, damit die Seele raus kann.

Das hat mir gerade noch gefehlt, zu verrecken in einem Haus, das von offensichtlich Irren geleitet wird.

“Auch bleib der Priester meinem Grabe fern; zwar sind es Worte, die der Wind verweht, doch will es sich nicht schicken, daß Protest gepredigt werde dem, was ich gewesen, indes ich ruh im Bann des ewgen Schweigens.” (Storm)

Insgesamt habe bisher noch kein anderes Buch oder Blog gelesen, was mich so in die Psyche eines Hirntumorpatienten mit Diagnose Glioblastom hineinversetzt hat wie dieses. Besonders die wenig weinerliche Art zu schreiben hat es mir sehr angetan. Auch wenn Herrndorf seine Gefühlszusammenbrüche beschreibt wirkt es nie, als ob er damit Mitleid erregen möchte, sondern einfach nur faktisch und authentisch. Darum klare Leseempfehlung.